Ein steiniger Weg

nach Joh. 8,2 ff

Nur zu, fragen sie mich ruhig. Ich werde das oft gefragt. Und die Antwort ist: ja, ich habe ihnen vergeben! Allen! Den radikalen Jungen genauso wie den etwas vernünftigeren Alten.

Eigentlich hätte ich ihnen allen am liebsten die Augen ausgekratzt und sie alle angespuckt, wie sie mich so voller geheucheltem Zorn und scheinheiliger Entrüstung durch die Straßen getrieben haben.
Aber wie hätte ich das noch tun können, nachdem ER mir vergeben hatte?
Sein Blick hat mich geheilt.
Er hat mich entwaffnet.
Hat mich...

 Steiniger Weg

Ach, das ist alles furchtbar schwer zu verstehen, wenn man nicht dabei war.
Und obwohl ich diese Geschichte schon tausendmal erzählt habe, ist es immer wieder schwer, den ersten Faden zu finden, um die Gedanken daran zu knüpfen.
Jedes einzelne Mal ist es das.

Aber bevor ich die Sache erzähle, so wie sie für mich war, beantworte ich vielleicht auch gleich die zweite Frage, die ihnen sicher auf den Nägeln brennt. Nur keine Scheu! Ich bin es, die Scham darüber empfinden müsste.
Ja, ich habe meinen Mann betrogen.
Die Rabbiner und die ganzen gelehrten Herren und all ihre eifrigen Schüler hätten also allen Grund dafür gehabt, mich zu steinigen. Und eigentlich hätte ich das sogar verstanden. Ich war mit dieser Lehre aufgewachsen, hatte es von meiner Mutter so gelernt und es in der Synagoge gehört. Unser Vater Mose hatte dem Volk geboten, so mit einer Ehebrecherin umzugehen.
Aber es ist eine Sache, in der Geborgenheit der Synagoge davon zu hören, sich vielleicht sogar noch über solche Frauen zu entrüsten, und eine andere, selbst unbarmherzig in den Staub geworfen zu werden.
Der Blickwinkel ändert sich dadurch dramatisch!

Ich weiß, was Sie jetzt denken: „vielleicht hatte sie ja einen guten Grund, ihren Mann zu hintergehen? Vielleicht hat er sie betrogen, geschlagen, vernachlässigt?"
Man hat mir schon oft diesen billigen Weg angeboten, um mir meine Schuld leichter zu machen.
Aber das ist weder wahr, noch ist es nötig.
Ich habe meinen Mann betrogen, obwohl er mich nicht schlecht behandelt hat. Eigentlich hat er mich immer sehr gut behandelt. Zumindest so gut er es eben konnte und wusste. Und ich wurde von vielen Nachbarinnen beneidet um meinen Mann, der ebenso stark wie zärtlich war.
Es gibt nichts, was ich an meiner Sünde beschönigen müsste. Denn ER hat einmal gesagt, dass uns die Wahrheit frei machen würde. Darum habe ich, so gut es eben ging, versucht, seit jenem Tag nie mehr von der Wahrheit abzuweichen.

Und die Wahrheit ist: ich habe ihn betrogen. Aus freien Stücken. Ich war noch recht jung damals und hatte noch keine Kinder. Und ich war sehr schön und mir dessen auch bewusst.

Ich spielte gerne damit, wenn ich auf den Markt einkaufen ging, oder am Brunnen das Wasser holte. Ich konnte mich bewegen wie eine Gazelle. Leicht und geschmeidig. Und ich wusste, dass das den Männern gefiel, die mich sahen. Und mir gefiel, dass es ihnen gefiel.
Ich wurde nach und nach mutiger und fing an, auch mit Blicken zu spielen. Hier etwas Schulter zeigen, eine wiegende Hüfte, dort ein tiefer Blick.

Ich hatte es niemals darauf angelegt, meinen Mann zu betrügen, nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Ich spielte nur. Dass es Spiele gibt, die man lieber nicht spielen sollte, erkannte ich zu spät.
Es kam daher, wie es kommen musste.
Zwei oder drei Männer fingen an, mir offen nachzusteigen. Und einer davon war auf seine Art sehr anziehend. Ich neckte sie mit mancher Geste und zweideutigen Bemerkungen. Und dieser Eine erwiderte meine Neckereien und forderte mich geradezu heraus. Langsam und unmerklich zu Beginn, aber doch gerade so viel, um meine Neugier anzustacheln.
Ich hatte mich in meinem eigenen Spiel gefangen.
Es war wie eine Mutprobe. Wann würde der erste von uns beiden aufgeben, immer mehr von sich zu zeigen, da doch klar war, dass aus uns nichts werden konnte.
Leider gab niemand nach.

Ich war zu stolz, um nach den Monaten, in denen ich die Rolle der gefährlichen Frau gespielt hatte, einfach zu sagen: „halt! Ich bin verheiratet und habe das alles nur gespielt, um Anerkennung zu bekommen"

Noch als er mich auszog, hätte ich am liebsten geweint, habe es aber nicht getan, um mein Gesicht zu wahren.
Und dadurch hätte ich mein Leben und meine Seele um ein Haar verloren. Wie dumm ich war!

Der Rest dieser Geschichte ist ja mittlerweile bekannt. Wir wurden entdeckt. Für ihn hatten die Schriftgelehrten nur ein Kopfschütteln und ein paar hochgezogenen Augenbrauen übrig.
Mich rissen sie an den Haaren hoch, gerade, dass ich noch mein Untergewand überwerfen konnte.
Fast war ich froh darüber, endlich meine Rolle nicht mehr spielen zu müssen, aber mir war auch sofort klar, dass damit mein Schicksal besiegelt sein würde.
Mein Mann tat mir leid. Und ich tat mir selber leid.
Ich hatte ihn aus Dummheit und reiner Torheit betrogen. Das würde ihm mit Sicherheit das Herz brechen. Und dass es auch noch die ganze Stadt erfahren würde und er auf diese Weise für immer der Witwer der Ehebrecherin sein würde, machte es noch schlimmer.
Diese zusätzliche Schande und diesen zusätzlichen Schmerz hätte ich ihm sehr gerne erspart.
Vielleicht hätte es mir auch weniger ausgemacht, wenn man mich still und leise abgeführt und weggesperrt hätte. Ich wäre verschwunden und irgendwann vergessen worden.

Aber nein. Man zog, man zerrte mich vom Ort meiner Schande hinaus auf die Strasse, wo eine Menge Leute waren. Man schrie laut, dass ich eine schändliche Ehebrecherin sei und kümmerte sich nicht darum, dass ich mich an den vielen Steinen auf der Strasse blutig schlug.
Gern hätte ich mein Gesicht verhüllt, aber sie bogen mir die Arme nach hinten und zeigten mich herum. So sieht eine Sünderin, eine Hure aus! Seht sie euch an! Frauen, mit denen ich gestern noch am Brunnen Wasser geschöpft hatte, spuckten vor mir aus und Männer, die mir gerade noch geifernd nachgesehen hatten spielten jetzt die entrüsteten Sittenwächter. Wie falsch war das alles. Wie falsch hatte ich gehandelt und wie unvermeidlich und vorhersehbar würde mein baldiges Ende sein.
Ich weinte vor Zorn und Schmerz und Trauer.
Schließlich warf man mich mehr, als dass man mich führte, in den Gerichtsraum.
Die Kühle dort tat mir gut. Vor die Fenster waren Tücher gespannt, die die Sonne an diesem außergewöhnlich heißen Tag in angenehmen Schatten wandelten.
Meine Augen brannten entzündet und alles an meinem Körper tat mir weh. Staub und Sand waren in meinen Augen, in meinen Haaren und in meinen vielen Schrammen. Schlimmer aber war der seelische Schmerz.

Die nach Sensation gierende Menge beruhigte sich langsam und der offenbar künstlich angefachte Volkszorn wurde stiller.
Auf manchem Gesicht sah ich aber bereits eine gewisse Vorfreude. Oh wie grausam seid ihr doch gewesen, ihr selbstgerechten Herren!

Der Oberrabbiner kam herein und sofort eilten katzbuckelnde Schüler und andere Gesetzeslehrer herzu.
Der Oberrabbiner setzte sich. Zumindest aus seinen Augen war keine Vorfreude oder Spott zu lesen. Ich kannte ihn schon mein ganzes Leben. Er sah mich nur nachdenklich an und strich langsam mit der Hand durch seinen dichten grauen Bart.
Lautstark brachten alle durcheinander meine Sünde zu Gehör, wobei sie sich offenbar durch ihre Lautstärke gegenseitig in ihrer Entrüstung übertrumpfen wollten. Allenthalben zitierten sie die Texte unseres Vaters Mose und überboten sich untereinander mit immer umfangreicheren Auslegungen und Schlussfolgerungen dazu.
Als ob dazu die Notwendigkeit bestanden hätte.
Meine Sünde war offensichtlich. Das Gesetz war offensichtlich. Und die Folgerung daraus war offensichtlich.
Diese ganze Zurschaustellung der eigenen Rechtschaffenheit diente aus meiner Sicht nur dazu, die eigene Vollkommenheit und das eigene Wissen zu unterstreichen. Eigentlich gar nicht so verschieden davon, weshalb ich gewollt hatte, dass mich Männer begehrenswert fanden.
Befriedigung der Eitelkeit.

Auf die Idee, mich oder den Mann, mit dem ich gesündigt hatte und der jetzt gar nicht anwesend war, zu fragen, kam niemand.

Ich wollte und konnte diesem Geschrei nicht mehr zuhören. Ich hatte schrecklichen Durst und mein Kopf dröhnte und es drehte sich alles. Ich genoss es deswegen, meine Stirn auf die kalten Steinplatten legen zu können und sah dann und wann durch meine zerzausten Haare hindurch, wie die Sonne immer neue Schattenspiele auf den Fußboden zeichnete. Ich hatte bereits mit meinem Leben abgeschlossen. Ich wollte nur, dass jetzt alles schnell ginge.

Gelächter holte mich aus meinen Tagträumen zurück. Böses Gelächter.
Ich erhob mich ein wenig aus meiner gehockten Haltung, um den Grund zu erfahren.
Der Oberrabbiner hatte sich von seinem Platz erhoben und hatte mich mit einer Mischung aus Resignation und Traurigkeit angesehen.
Aus dem Stimmengewirr war mir immer wieder der Name „Jesus" entgegengeschlagen.
Der Oberrabbiner hatte mit leiser Stimme gesagt, man solle mich diesem Wanderrabbi namens Jesus vorführen. Die umstehenden hatten nach kurzem Zögern angefangen, kalt zu lachen, einige hatten sich sogar auf die Schenkel geschlagen, als wäre das ein wirklich guter Witz.
Die Stimmung, die wegen der Aussicht auf eine Steinigung ohnehin schon sehr gut war, wurde noch besser.
Für sie alles war das offensichtlich eine brillante Idee. Nur der Oberrabbiner ging weg. Er sah müde aus und machte nicht den Eindruck, dass ihm der Auflauf Freude bereitete.

Jesus, schrien sie und lachten. Jesus, immer wieder Jesus. Die Stimmung hatte sich offenbar gewendet. Gerade noch war ich das Ziel ihrer Gereiztheit gewesen. Jetzt aber war ich nur noch das Vehikel dafür, ihren Spott mit einem anderen zu treiben.
Jesus.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon so einiges über diesen Mann gehört. Wenn man auf den Markt geht, oder am Brunnen mit den anderen Frauen redet, hört man allerhand.
Er sei ein wirklich gerechter Lehrer, sagte man.
Und einige erzählten ganz unwahrscheinliche Wunder, die er gewirkt haben sollte. Er habe Blinde sehend gemacht. Und Kranke geheilt. Und sogar Tote habe er auferweckt. Und was das Erstaunlichste war: trotz all dieser unglaublichen Dinge war er ein ganz demütiger Mann geblieben, der es nicht darauf anlegte, eine eigene Synagoge zu gründen oder Geld mit seinen Gaben zu verdienen.
Am eindringlichsten sollte er angeblich über die Liebe des Herrn zu seinen Kindern sprechen. Die Vergebung der Sünden. Barmherzigkeit für gefallene Menschen. Unerhörte Dinge. In vertrauter Sprache. Und gerade jetzt sollte er angeblich in unserer Stadt sein?
Pech für ihn.

Denn auch die geschraubteste Predigt über des Herren Liebe zu seinen Kindern könnte mich jetzt nicht mehr retten. Und ihn würde sie auch ins Verderben stürzen.
Ich war verloren. Und er war ebenfalls verloren, sollte er versuchen, für mich Partei zu ergreifen.
Er konnte mich nur verurteilen. Mein Fall war so klar, wie er es nur sein konnte. Freiwilliger Ehebruch, Steinigung.
Sollte er dennoch versuchen, seine Lehre von der Barmherzigkeit zu verteidigen und sei es auch nur halbherzig, würde er das Gesetz unseres Vaters Mose brechen. Kein Hahn würde dann noch nach ihm krähen.
Er muss mich verurteilen, dachte ich.
Damit macht er aber seine Lehre von der Sündenvergebung unglaubwürdig. Auch in diesem Fall würde kein Hahn mehr nach ihm krähen. Und wenn er behaupten würde, seine Lehre sei mehr eine theoretische Sache und mich trotzdem verurteilen? Auch dann, denke ich, wäre es mit ihm als Rabbi aus.

Aber, warum auch sollte ein fremder galiläischer Rabbi, den ich nicht kannte und der mich nicht kannte, sein Leben und seine offensichtlich verheißungsvolle Zukunft für mich aufs Spiel setzen?
Mit mir war es aus. Wie in einem Traum ließ ich alles mit mir geschehen und wurde durch die Gassen geprügelt. Es war so furchtbar heiß.
Warum diese grausame Verzögerung?
Warum noch ein Opfer?
Warum konnte nicht irgendein Mann einen großen Stein nehmen und mich einfach erschlagen?
Wie furchtbar ist ein unabwendbares Schicksal, das nicht zur bestimmten Zeit eintrifft.

Plötzlich wurde es still.
Wir waren an einem offenen Platz angekommen. Wieder wurde ich hingeworfen. Ich hörte eine Grille Zirpen und in der Ferne Kinderlachen.
Es war heiß und der Schweiß brannte in meinen Augen. Meine Schläfen pochten, als wollten sie zerspringen.

Einer aus der Schar trat hervor und sprach unglaublich selbstgerecht und von oben herab:
„Meister, wir wissen, dass du ein gerechter Lehrer bist". Aus der Menge hörte man sarkastisches Hüsteln und süffisantes Geraune.
Der Sprecher lächelte überfreundlich und fuhr fort.
„Diese da" dabei trat er mir mit dem Fuß in die Seite, „wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt. Was sollen wir tun? Sollen wir sie steinigen, wie Mose geboten hat, oder sollen wir sie laufen lassen?"
Das war genau die Falle, die ich vermutet hatte. Wie leicht seid ihr klugen Herren doch zu durchschauen!
Es war schon beinahe beängstigend still auf dem Platz. Ich hörte den Wind, der durch meine Haare strich.
„Meister?"

Der Sprecher stand noch immer süßlich lächelnd an meiner Seite und wartete auf eine Antwort.
Die Hitze und der Durst machte mir das Schlucken schwer. Staub war zwischen meinen Zähnen. Ich wollte nur endlich, dass alles vorbeigeht. Mein Herr und Gott, warum lässt du mich so lange leiden und gibst mir nicht sofort meine gerechte Strafe?

Da erhob ER sich.
Er hatte an der Seite des Platzes im Schatten eines Baumes gesessen und einer Anzahl von Leuten, die um ihn saßen, offenbar etwas erzählt. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich vor ihn geworfen wurde.
Ich hob den Kopf, um den Mann sehen zu können, den ich mit ins Verderben reißen würde.
Er war groß. Und er kam langsam auf mich und den Redner zu. Aber er schien diesen gar nicht weiter zu beachten.
Bei mir angekommen, bückte er sich zu mir hinab in den Staub.
Auge in Auge sah er mich an.
Er hatte die verwirrendsten Augen, die ich jemals gesehen habe. Sehr hell, sehr klar, sehr tief.
Auch er schien müde zu sein, ließ sich aber nichts anmerken.

„Meister? Bitte hilf uns bei unserer Entscheidung..."
Der Sprecher versuchte sich wieder einzumischen. Langsam wurde er wohl nervös. Er hatte wohl auf einen schnelleren Sieg gehofft, einen Disput, einen theologischen Streit um Formulierungen.

Jesus kniete im Stab und sah mich an. Er legte seinen Kopf auf die Seite, als würde er lauschen. Als wäre ich der einzige Mensch auf der ganzen Welt.
So kam es mir vor. Und wäre der ganze Platz von Menschen übergequollen – für IHN wäre ich sicher die einzige Person im Universum gewesen. Und ER wurde es für mich. Meine Schmerzen waren mir egal. Die Menschen um mich her waren mir egal. Ihr Spott und Hohn waren mir egal. Dass ich gleich sterben würde war mir egal.
Denn ich hatte einmal in meinem Leben wahre Nähe gespürt. Ohne auch nur die geringste Berührung. Wir blickten uns nur an.
Ich schämte mich.
Alles an diesem Mann war irgendwie klar und hell. Da gab es keinen Schatten bei ihm. Nur unschuldige Kinder können einen sonst so ansehen wie er es tat. Ich schämte mich, denn ich wusste, dass er den Schatten auf meiner Seele genau sah.
Dass er wusste, dass ich eine Ehebrecherin war. Ich wusste, dass ihn das verletzte. Zweifellos.
Wer ohne Schuld ist, wird auch von der Sünde anderer betroffen und verletzt sein. Und ich hatte schwer gesündigt.
Für mich gab es keine Hoffnung. Aber wenigstens er sollte sich retten und mich nicht verteidigen.

Ich wandte den Blick von ihm ab und sah wieder zu Boden.
„Es tut mir so, so leid..."
Mehr brachte ich nicht heraus.

Jesus kniete noch immer auf dem Boden, ohne den Sprecher auch nur eines Blickes zu würdigen. Die Menge fing an, unruhig zu werden. Gleich würden sie mein Blut fordern. Endlich!
Aber Jesus fing an, mit seinen Fingern etwas in den Sand zu schreiben. Er hatte sehr schöne, männliche Hände. Kräftige Hände.
Was er geschrieben hat, weiß ich leider nicht, da ich niemals Lesen gelernt habe.
Manche meinten seither, es sei meine Sünde gewesen, die er der Erde übergeben hat. Ich weiß davon nichts und habe mich auch niemals darum gekümmert.
Jedenfalls schrieb er mit seinen langen, geraden Fingern auf die Erde.

„Meister? Hörst du, wir warten. Soll ich die Schuld dieser Frau noch einmal wiederholen, und dir erklären, was Mose dazu geschrieben hat?"
Der Sprecher hatte seine laute Stimme wieder erhoben.
Das Urteil war klar.

Jesus erhob sich langsam und ich sah seine Augen nicht mehr.
Er drehte sich zu der Menge um und sprach:
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!"
Seine Stimme war warm und sanft, aber sie drang sicher bis in die letzte Mauerritze dieses Platzes.
Dann beugte er sich wieder zur Erde und schrieb.

Das war alles. Keine Diskussion, kein Gelehrtenstreit, kein Theoretisieren.
Ich spannte alle meine Muskeln an und wartete auf den ersten Stein. Ich hoffte, ich würde möglichst schnell ohnmächtig werden.

Stille. Nicht einmal die Grille hörte ich mehr und der Wind war eingeschlafen. Eine Wolke trat zwischen mich und die Sonne und spendete mir freundlichen Schatten.

Ich hörte dann ein leises „Plopp". Ein Stein fiel zu Boden. Noch einer und noch einer. Füße scharrten und Übergewänder rauschten. Dann wieder Stille.
Schließlich sah ich aus den Augenwinkeln, wie auch der Wortführer langsam wegging.

Jesus strich mir die strähnigen Haare aus dem Gesicht und lächelte mich an.
„Sieh dich um. Wo sind sie geblieben deine Ankläger?"

Ich straffte meinen Rücken und blickte vorsichtig mit schützend vorgehaltener Hand über meine Schulter. Keiner da. Niemand!
Bis auf zehn oder zwölf Gestalten, die schon vorher bei Jesus gewesen waren, war der Platz leer.

„Ich, ich sehe niemanden, Herr!"
Er lächelte wieder.
„So? Hat dich denn niemand verurteilt?"
Er machte eine lange Pause und blickte mich noch einmal verwirrend und ernst und freundlich an.
„Wenn das so ist, verurteile ich dich auch nicht." Er nahm meine Hand und half mir beim Aufstehen. Er war wirklich sehr groß.
„Geh jetzt heim zu deinem Mann. Geh mit Gottes Frieden und sündige von jetzt ab nicht mehr".
Er machte mir keinen Vorwurf. Und er fing nicht an, mit mir über meine Sünde zu diskutieren. Er wusste ohnehin bereits alles von mir.

Dann drehte er sich um und ging mit seinen Jüngern weg.

Das also ist meine Geschichte mit Jesus, die in der Zwischenzeit sehr viele Menschen schon gehört haben. Denn einer der Jünger, die damals dabei waren auf diesem Platz, hat sie wohl aufgeschrieben.

Ich habe Jesus leider nie mehr wieder getroffen.
Zumindest nicht auf die Art, wie ich ihn auf dem Platz damals traf.
Aber das ist auch egal. Denn seit diesem Nachmittag ist er auch nie mehr wirklich von mir fortgegangen.
Sein Blick und seine Stimme haben sich in mein Herz unauslöschlich eingebrannt.
Ich glaube jetzt all die Geschichten, die man mir von ihm erzählt hat. An alle seine Wunder.
Denn das Wunder, das er mit mir vollbracht hat, ist real und jeder, der mich kennt oder damals kannte, kann es bei denen überprüfen, die dabei waren.
Wie ich gehört habe, wurde er später ans Kreuz geschlagen. Aber man erzählt auch, er sei auferstanden, und auch das glaube ich von ganzem Herzen.
ER hat meine Schuld von mir genommen und mir einen neuen Anfang ermöglicht. Und ein Mensch, der das kann, ist mehr als nur ein Mensch. Und über so jemanden hat der Tod keine Macht. Und ich hoffe, ich werde ihn eines Tages von Angesicht zu Angesicht wieder sehen.

Um auch ihre letzte Frage zu beantworten: auch mein Mann hat mir vergeben. Es war nicht leicht, denn er hatte mich immer für eine gute und treue Ehefrau gehalten. Wie bitter hat er geweint, als ich ihm meine Schuld gestanden habe. Und wie sehr hat er sich doch gleichzeitig gefreut, dass ich noch am Leben war!
Es war ein steiniger Weg für uns beide.
Ich glaube, auch bei ihm ist etwas von Jesus hängen geblieben, denn immer wieder musste ich ihm dessen Worte „auch ich verurteile dich nicht" erzählen.
Wir zogen sehr bald darauf weg aus unserer Stadt und fingen an einem anderen Ort ein neues Leben an.
Und jetzt freuen wir uns immer, wenn wir einen der Anhänger dieses Jesus, die seine Lehre mittlerweile im ganzen Land und darüber hinaus verkünden, in unserem Haus aufnehmen können.
Insgeheim lächle ich dann immer, wenn sie mir eine Geschichte von einer Ehebrecherin erzählen... wenn die wüssten, wem sie das sagen...

Und ich freue mich, dass aus meiner Sünde für so viele Menschen Gutes erwachsen ist, denn wie ich höre, wird meine Geschichte gerne erzählt und gerne gehört.

Aber jetzt wissen sie aus erster Hand, wie es so war, damals, an jenem staubigen Tag.

Eine ehemalige Sünderin

Dietmar Kramlich