Der süßlich, schwere Duft von reifem Obst liegt in der Luft. Farbenfroh schillern die bunten Blätter der Bäume im satten, goldenen Licht der Herbstsonne. Der Teppich aus feuerrotem, honiggelbem, leuchtend orangem Laub raschelt und knistert unter meinen Füßen. Eine raue Brise zerzaust mein Haar und treibt Blätter tänzelnd vor mir her. Über die Maßen verschwenderisch betört der Herbst meine Sinne. Die Schönheit aufsaugen, festhalten, einfrieren, nicht ziehen lassen...


Doch es kommt, wer kommen muss: Unsichtbar und schleichend kriecht er in der Dämmerung von den Bergen ins Tal. Eisig hauchend umfängt der erste Frost ein Blatt nach dem anderen um es schon bald farblos und tot zu Boden segeln zu lassen. Nur wenige Augenblicke und das traurig anmutende Schauspiel findet sein Ende. Die Bäume stehen nun kahl, nackt und trostlos vor meinem Fenster und schon droht die Erinnerung an all' die Schönheit und Intensität zu verblassen. Eine leichte Wehmütigkeit legt sich schwer um mich.


So aus dem Fenster schauend bemerke ich aber plötzlich, dass das herabgefallene Laub mir einen ganz neuen Durchblick gewährt. Vieles, was noch vor Tagen hinter einer dicken Blätterschicht im Verborgenen lag, kommt nun zum Vorschein. So auch eine kleine Kapelle, die ich von meinem Wohnzimmer aus erst dann sehen kann, wenn alle Blätter abgefallen sind.


Auch in unserer Beziehung zu Jesus erleben wir Zeiten voll des Überflusses, Zeiten der Ernte und des Reichtums. Doch die gesammelten Vorräte neigen sich irgendwann dem Ende zu und es folgen Zeiten des Mangels, Zeiten seelischer Nöte und Zeiten der Trauer. Meist sind es diese Zeiten, die unseren Blick auf Jesus schärfen. Wir sehen unseren Herrn oft dann am deutlichsten, wenn all' das Schöne, Satte, Reiche weicht. Wenn alles schwindet, wird die Sicht klar und wir dürfen Jesus schauen.


Nur weil es diese Zeiten des Winters gibt, weiß ich im Sommer, dass sich hinter dem wunderschönen Wäldchen vor meinem Fenster eine Kapelle verbirgt.
In diesem Sinne wünsch ich uns allen einen wunderschönen November mit reichlich Freiraum zum Auftanken.

Karin Frosch, Liezen

 

Gott, der große Künstler

Ich kann nicht anders
muss als allererstes
Gott als den großen Künstler beschreiben

Wie er am ersten aller Tage
sprach: es werde – und es wurde
so dass diese Welt nicht einfach vom Himmel fiel
sondern ins Leben geliebt wurde

Und am zweiten aller Tage
als die Festen zu neuen Räumen wurden
und der Himmel entstand
verrückte Erde, da hingerückt, da weggerückt
es entstanden
der Kilimandscharo, die Toskana, die Sahara
das Kap der guten Hoffnung und das Ruhrgebiet

Und wie am dritten Tag der Erde das Grün aufging
Olivgrün, Türkisgrün, helles Lindgrün, Gras- und
Waldgrün, Smaragdgrün, Neongrün, Flaschengrün
Goldgrün und Kiwigrün
kleine Halme, starke Bäume, Blumen
dafür erfand er die ganze Palette Farben
Rot, Gelb, Orange, Apricot, Beige, Lila, Rosa, Blau
Türkis, Braun, Grau, Gold, Silber, Blond...

Und Gott machte Rosen in verschiedenen Farben
und für verschiedene Orte
Kletterrosen, Heckenrosen, Seerosen
für eins von Gott Lieblingsfesten: Pfingstrosen
und eine für Jesus, eine Christrose

Und dann machte er noch
Astern, Tulpen, Gänseblümchen, Freesien, Gerbera
Narzissen, die irgendwann Osterglocken genannt wurden
Disteln, Nelken, Anemonen, Petunien, für die Kinder Pusteblumen
und für bayrische Hotels Geranien
Dahlien, Astern, Ginster, Glockenblumen, Clematis, Primeln, Enzian
für den Winter Schneeglöckchen, Orchideen, Chrysanthemen, Krokusse
Alpenveilchen, Sonnenblumen, Iris, Phlox, Lilien, Mohn, Kornblumen
und für alle, die sich das nicht merken können, Vergissmeinnicht

Sie viel Phantasie in Blumen investiert
die keinen Sinn haben außer die Erde schön zu blühen
ein echter Künstler

Und machte am vierten aller Tage
Lichter zum Jonglieren
die Sonne wird in die Bahn geworfen
Leuchten und Strahlen, Blinken werden erfunden
Sommer, Tag und Nacht
die Welt erlebt Morgenrot
und es dämmert ihr
es gibt keine Nacht mehr ohne Zeichen
das Dunkel weicht
und kein Stern ist Gott schnuppe

Und am fünften aller Tage
machte Gott Fische und Vögel
und wie man in seinem Element ist
abtauchen, mitschwärmen
in die Tiefe gehen, aufsteigen
fliegen, federleicht sein
den Himmel anhimmeln
getragen werden
Wind und Wellen
Wasserfälle, Wogen
Wolken, Blitz und Donnerstag

Und dann am sechsten Tag
macht Gott alle Sorten Tiere
Kamele, kleine und große Katzen, Goldfische
Zebrastreifen und Zitronenfalter, weiße Tauben, schlaue Füchse
Ponys, Puten, Piranhas, Perlhühner, Pelzmäuse, Präriehunde
Papageien und Pudel

Und dann machte er als Extra-Vergnügen noch
Muscheln, Diamanten, Perlen, Honig, Himbeeren, Kokosnüsse
und Kaffeebohnen (und fragte sich, schmunzelnd: ob die rausfinden
wie man das lecker kriegt?)

Und guckte er sich das alles an
und gab ihm die Note „sehr gut: eins" und fühlte sich einsam
und machte zwei, wollte es so gerne mit jemandem teilen
und erfand den Menschen
auch in verschiedenen Variationen
große, kurze, runde, drahtige, dürre, faustdicke, schmale, leichte
blasse, dunklere, lockige, sommersprossige
- unterschiedlich, aber innen, und das ist wichtig, haben alle ein Herz

Und da erfand Gott die Liebe
und die Musik, das Feuer, Poesie, Fußball, Postkarten, Wolldecken
Spaghetti, Kerzen, Kitzeln, Niesen
Purzelbäume, Witze, Kugeln, Küssen, Schlafen, Träumen, Schenken
und die Schmetterlinge im Bauch
die segnete er auch

Und dann erfand er ganz zum Schluss
wie aus der Puste die Pause
und das Vergnügen, Spielen, Ausflüge, Staunen
Urlaub, Ausruhen, Mittagsschlaf
Schabbat, das letzte Siebtel einer Woche
Durchatmen, zweckfreie Zeit, die sinnvoll ist, beten
und heilige Sehnsucht

Und segnete das ganze
setzte seine große Unterschrift
unter sein göttlich einmalige Kunstwerk

Ein Gedicht (von christina brudereck)